Auf dieser Seite finden Sie Aussagen über die Natur und den Charakter der Linie von sehr unterschiedlichen Künstlern und Theoretikern. Der Reihenfolge der Zitate kommt keine Bedeutung zu.
Obwohl es natürlich über die Jahrhunderte immer wieder Beobachtungen der Linie gab, so hat doch erst erstmals Kandinsky eine grundlegende Analyse der Linie in seinem Buch „Punkt und Linie zu Fläche“ 1926 geleistet. Für meine Arbeit zentrale Aussagen aus dieser Arbeit finden sie auf der Seite „Kandinsky“ in diesem Blog.
Friedensreich Hundertwasser in seinem Verschimmelungsmanifest (1958) über die gerade Linie:
„Verbrecherisch ist auch die Benützung des Lineals in der Architektur, das, wie leicht zu beweisen ist, als Instrument des Zerfalls der architektonischen Dreieinigkeit anzusehen ist. Schon das Bei-sich-tragen einer geraden Linie müßte, zumindest moralisch, verboten werden. Das Lineal ist das Symbol des neuen Analphabetismus. Das Lineal ist das Symptom der neuen Krankheit des Zerfalls.
Wir leben in einem Chaos der geraden Linien, in einem Dschungel der geraden Linien. Wer dies nicht glaubt, der gebe sich einmal die Mühe und zähle die geraden Linien, die ihn umgeben, und er wird begreifen; denn er wird niemals zu einem Ende gelangen.
Auf einer Rasierklinge habe ich 546 gerade Linien gezählt. Durch die lineare und imaginäre Verbindung zu einer zweiten Rasierklinge derselben Produktion, die sicher haargenau so aussieht, ergeben sich 1090 gerade Linien, und wenn man die Verpackung dazuzählt, an die 3000 gerade Linien derselben Rasierklinge.
Vor nicht allzulanger Zeit war der Besitz der geraden Linie ein Privileg der Könige, der Begüterten und der Gescheiten. Heute besitzt jeder Depp Millionen von geraden Linien in der Hosentasche.
Dieser Urwald der geraden Linien, der uns immer mehr wie Gefangene in einem Gefängnis umstrickt, muss gerodet werden.
Der Mensch hat bisher immer noch die Dschungel gerodet, in denen er sich befand, und sich befreit. Allerdings muss er sich erst dessen bewusst werden, dass er sich in einem Dschungel befindet, denn dieser Dschungel hat sich schleicherisch gebildet, ohne dass die Bevölkerung davon etwas weiß. Und diesmal ist es ein Dschungel der geraden Linien.
(…) Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch. Die gerade Linie ist keine schöpferische, sondern eine reproduktive Linie. In ihr wohnt weniger Gott und menschlicher Geist als vielmehr die bequemheitslüsterne, gehirnlose Massenameise.
Die Gebilde der geraden Linie, auch wenn sie sich noch so krümmen, biegen, überhängen und sogar durchlöchern, sind somit hinfällig. Das ist alles Anschlusspanik, ist die Angst der konstruktiven Architekten, nur ja rechtzeitig umzuwechseln.
Wenn sich an einer Rasierklinge der Rost festsetzt, wenn eine Wand zu schimmeln beginnt, wenn in einer Zimmerdecke das Moos wächst und die geometrischen Winkel abrundet, so soll man sich doch freuen, dass mit den Mikroben und Schwämmen das Leben in das Haus einzieht und wir so mehr bewusst als jemals zuvor Zeugen von architektonischen Veränderungen werden, von denen wir viel zu lernen haben.“